Gedanken und Texte von Hans-Jürgen Gaugl
Auch die Beziehungswelt ist keine Scheibe
Die Erde ist keine statische Scheibe. Sie dreht sich als Rotationsellipsoid um sich selbst und zugleich um die Sonne. Eh klar. Entschuldigung, aber wie sollte man das leugnen, wo es doch eh logisch ist und schon jedes Volksschulkind darüber Bescheid weiß.
Merkwürdig, dass diese Erkenntnis bei vielen von uns dennoch nicht in den Alltag übernommen wird. Obwohl sie uns allen so selbstverständlich erscheint. Weshalb stehen wir dennoch vor allem einschneidenden Ereignissen und tiefen Emotionen in unserem Leben oft mit der Überzeugung gegenüber, diese seien statisch und für alle Zeit festgemacht? Bestimmt nicht auch unser aller Leben die Bewegung, der Fluss? Dreht nicht auch für uns die Welt sich immer weiter und bringt neue Momente, neue Chancen und auch Herausforderungen?
Besonders anschaulich sind hier Beispiele aus Partnerschaften. Menschen lernen sich kennen und schweben in der Phase, in welcher sie beschließen, eine Partnerschaft einzugehen, meist auf Wolke 7. Dieses Gefühl des Glücks und der Verbundenheit wird dann gleichsam konserviert: in Zukunftsplänen wird davon ausgegangen, es bleibe alles so, ganz ohne Zutun – ja es wird sogar jede Änderung als Gefahrenpotenzial eingestuft und – meist unbewusst – ausgeblendet. Das kann lange Zeit gut gehen. Die beiden können tatsächlich richtig liegen, dass sich ihre Welt in diesem Punkt nicht verändert, dass sie gleichsam stehen bleiben oder auch sich im Einklang weiterentwickeln. Die Wahrscheinlichkeit dazu ist aber eher als Frage des Zufalls einzustufen. Eher ist es nämlich wahrscheinlich, dass die beiden Menschen sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und auch in ab und an unterschiedliche Richtungen weiterentwickeln – was auch eher der Natur des Menschen entspricht: immerhin sind wir alle einzigartig, mit einzigartigen Talenten und ganz individuellen Träumen.
So kommen viele über kurz oder lang an einem Punkt an, wo es nicht mehr zu übersehen ist, dass auch die Beziehung nicht als statisch und selbstverständlich gesehen werden darf. Jener Punkt, an dem auch alle Kraftanstrengungen nicht mehr reichen, alle eingetretenen Veränderungen auszublenden, die darauf hindeuten: der Zauber des ersten Aufeinandertreffens war eine Momentaufnahme, die kostbar war und bleibt. Die daraus erwachsene Beziehung war aber kein Einfrieren des Moments, kein Anhalten der Welt – auch wenn man es sich vielleicht noch so sehr gewünscht und vielleicht auch eingeredet hat – sondern vielmehr das Versprechen, nicht nur seinem eigenen Weg treu zu bleiben und sich weiterzuentwickeln, sondern auch an der Beziehung zu arbeiten wie mit einem jungen Bäumchen, auf dass es über den steten Wandel der Jahreszeiten heranwachsen kann zu einem stolzen Baum, welcher Schatten spenden und Früchte anbieten kann. Man ist also an dem Punkt wo man sich eingestehen muss: die Welt hat sich seit dem ersten Funken der Liebe, der ein Feuer entfacht hat, auch für einen selbst wie auch das Gegenüber weitergedreht. Auch wenn man diese Entwicklung übersehen beziehungsweise erfolgreich ausgeblendet hat aus der Wahrnehmung: man steht im hier und jetzt an einem anderen Punkt, hat Entwicklungen durchlaufen.
Besonders schlimm – und dabei auch meist der Fall – ist es dabei, wenn eine Seite das früher realisiert als die andere und keinen Weg findet, darauf so hinzuweisen, dass es annehmbar ist: das sind dann oft die Momente, wo es unschön wird in der Partnerschaft. Und wo ein neuerliches Festfrieren eines Momentes verlockend erscheint: ein Verurteilen des ehemals in Liebe verbundenen Partners als schädlich für das eigene Glück – die Nahrung für viele Rosenkriege, welchen auch mit den für Außenstehende noch so tollen versöhnlichen Handlungen ohne Hilfe von außen kaum beizukommen ist. Denn wieder wird die Realität zu Gunsten des eingefrorenen Gefühles ausgeblendet, wieder wird entgegen den Gesetzen der Natur die Welt in der eigenen Realität angehalten. Besonders Kinder geschiedener Eltern wissen davon ein trauriges Lied zu singen, dass selbst drohende Kollateralschäden hier nur selten die Augen öffnen helfen.
An diesem Punkt angelangt findet also eine Entscheidung statt, welche von beiden zu treffen ist: wird weiter versucht, zu leugnen, dass die Welt sich dreht und mit ihr sich alles im Fluss ewiger Weiterentwicklung befindet, wird auf einer neuen statischen Gefühlswelt aufbauend das Gegenteil der ehemaligen Liebe zum Lebensmotto erhoben oder wird den Tatsachen ins Gesicht geschaut und begonnen, auch die Beziehung weiterzuentwickeln und die bereits entstandenen Risse gemeinsam zu reparieren?
Ich wünsche mir für unsere Welt, dass es uns besser gelingt, Veränderung und Entwicklung anzunehmen und als Chance zu nutzen. So können wir viel unendliches Leid verhindern: Scheidungswaisen, welche auf einen Elternteil verzichten müssen, Gewalt in Beziehungen, weil die Realität wieder zurückgeprügelt werden soll in einen alten Zustand, …. und auch viel eigene Enttäuschung. Lernen wir, dass auch unsere kleine Welt keine still verharrende Scheibe ist – nehmen wir die Herausforderung der Bewegung als Chance wahr, aus Beziehungen jene Bäume wachsen zu lassen, welche, ständige Pflege vorausgesetzt, uns auch mal jenen Schatten und jene Früchte schenken können, welche wir uns so sehr wünschen.
Sprache – und ihre Wirkung
Sprache ist auf den ersten Blick die Ansammlung diverser akustischer Signale, mit welchen sich Menschen verständigen. Mit großem Jubel wird so die erste Zusammensetzung von Lauten bei einem Baby begrüßt, welche man als Wort erkennt. In den weiteren Monaten und Jahren des Menschenlebens wird diese hörbare Form der Kommunikation weiter verfeinert. Es könnte fast der Eindruck entstehen, dass ohne die korrekte Aneinanderreihung von Vokalen und Konsonanten ein Austausch zu Bedürfnissen und Meinungen nicht stattfinden könnte. Um den solchermaßen festgelegten Weg auch mit fremden Kulturen pflegen zu können, wird daher in der Bildung auch großer Wert auf die Beherrschung von Fremdsprachen gelegt.
Ignace Feuerlicht hat sich einmal in Anlehnung an Thomas Mann darüber beklagt, dass die Welt der Worte so begrenzt ist in Relation zur Unendlichkeit der Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse. Spannend. Tatsächlich ist es wohl jedem schon mal so ergangen, dass einem die Worte gefehlt haben, um präzise das auszudrücken, was gerade in einem vorgeht. Da kann man sich zum Glück, ein wenig Empathie von allen am Gespräch beteiligten Seiten vorausgesetzt, der nonverbalen Möglichkeiten des Austausches bedienen: aus dem Augenkontakt, aus der Gestik, aus der Mimik oder der Stimmfarbe allein kann da zum Beispiel bereits wertvolle Zusatzinformation transportiert werden, zu welchen man in den Worten keinen Platz mehr gefunden hat.
Aber auch in die andere Richtung können Phänomene im Alltag beobachtet werden: dass nämlich Sprache allein bereits ein Zuviel an Information beinhaltet. Eine Mehrinformation mitschwingt, welche vielleicht gar nicht beabsichtigt ist. Besonders deutlich wird dies, wenn man etwa die als Juristendeutsch bekannte Ausdrucksweise jener gegenüberstellt, welcher sich eher im Sozialbereich tätige Menschen bedienen.
Juristisch gebildete Personen verfallen da leicht in eine Härte und Präzision in den Formulierungen, welche Skepsis auslöst: es wird zwar rein vom Sprachlichen erkannt und verstanden, was da gesprochen wird, doch irgendwie kommt es einem doch wie ein spanisches Dorf vor, was da gemeint sein könnte. Wobei man spürt: irgendwas steckt da in der Botschaft abseits der einzelnen Worte. Denn oft genug hat man schon gehört davon, dass jemand leichtfertig Kleingedrucktes unterschrieben oder einen falschen Klick auf einer Seite im Internet gemacht hat, wo eigentlich harmlos klingende Worte standen, die sich aber im Nachhinein als bedeutsam für weitreichende Konsequenzen herausgestellt haben. Vorsatz oder Verschulden etwa haben im alltäglichen Sprachgebrauch eine ganz andere Bedeutung als im juristischen Zusammenhang. Sobald also in einem Text juristische Formulierungen auftauchen, läuten die Alarmglocken, da man vermutet, dass jetzt jedes Wort auf die Waagschale zu legen ist mit der Gefahr, dass ansonsten mit Konsequenzen zu rechnen ist, die so nicht absehbar waren.
Anders ist es, wenn in sozialen Berufen tätige Menschen genau dieselben Worte verwenden. Da schwingt dann eine Weichheit mit, bei welcher man rasch das Gefühl bekommt, Vertrauen fassen zu können. Es kommt da rascher die Bereitschaft auf, aufeinander zuzugehen und gemeinsam an Lösungen zu basteln, welche zu allseitiger Zufriedenheit führen können. Jene Worte, die im juristischen Zusammenhang noch einen Rechtfertigungsreflex ausgelöst hätten, setzen nun Energien frei, Schulter an Schulter mit dem Gegenüber nach vorne zu schauen.
Was macht Sprache mit Ihnen? Sind Sie sich dessen bewusst, was Sie alles auslösen können im Gegenüber bereits allein durch Worte?